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Wenn Strände verschwinden: Der Erde geht der Sand aus

Donnerstag, 02.08.2018  
12:06 Uhr

In Jamaika war über Nacht ein ganzer Strand verschwunden. Diebe hatten 2008 unbemerkt 500 Lkw-Ladungen Sand abtransportiert. Vom 400 Meter langen Strand von Coral Spring blieb nichts außer einer tiefen Grube. Gefasst wurden die Täter nie. Medien spekulierten damals, der Sand sei entweder zur Aufschüttung eines anderen Strandes benutzt oder in der Bauindustrie verwendet worden. Ohne Zweifel war der Raub ein lukratives Geschäft - die Ressource ist begehrt.

"Sand ist die Grundlage unserer modernen Gesellschaft", sagt Aurora Torres, Wissenschaftlerin am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Mittlerweile seien die Quarzkörnchen gleich nach Wasser der weltweit am meisten konsumierte natürliche Rohstoff - mit schweren Folgen für die Umwelt.

Denn Sand steckt nicht nur in Häusern, sondern so ziemlich in allem, von Glas über Asphalt bis zu Kosmetika, Zahnpasta, Mikrochips, Smartphone-Bildschirmen, Autos und Flugzeugen. Aus Sand gewonnenes Siliciumdioxid (SiO2) wird auch in der Weinindustrie und vielen Lebensmitteln verwendet.

Jeder Mensch verbraucht 18 Kilo Sand - pro Tag

"Die Masse an Sand, die gebraucht wird, hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht", sagt Pascal Peduzzi vom Uno-Umweltprogramm (UNEP). Der globale Bedarf übersteige mittlerweile bei Weitem das, was durch Verwitterung nachkommt. "Wir schätzen den derzeitigen Verbrauch auf 50 Milliarden Tonnen pro Jahr - das sind 18 Kilogramm täglich für jeden Einwohner der Erde", sagt Peduzzi.

Selbst für ein Einfamilienhaus werden Schätzungen zufolge 200 Tonnen gebraucht. Allein mit dem Jahresverbrauch des Bausektors "könnte man eine 27 Meter hohe und 27 Meter breite Mauer rund um den Äquator aufschütten", so Peduzzi. Auch in Deutschland wird der Sand knapp.

Warum die Wüste keine Lösung ist

Man könnte meinen, dass in den Wüsten der Welt genug von dem begehrten Rohstoff herumliegt. Das Problem: Wüstensand ist für die Herstellung von Beton nicht geeignet. Die Körner sind vom Wind so glatt und rund geschliffen, dass sie sich kaum verhaken können und nicht haften. Das hat teilweise paradoxe Folgen: Für den Bau des derzeit höchsten Gebäudes der Welt, dem Burj Khalifa, in Dubai musste beispielsweise eigens Sand aus Australien herangeschafft werden, obwohl Dubai von Wüste umgeben ist.

Zur Sandgewinnung werden riesige Schwimmbagger eingesetzt, die Tonne um Tonne vom Meeresgrund, aber auch aus Seen oder Flüssen abtragen. Die Folgen für die empfindlichen Ökosysteme sind oft verheerend. Flussbetten sinken ab, Küsten erodieren, die Fauna in den Ozeanen wird zerstört, ganze Inseln verschwinden. Schutzmechanismen, die eigentlich Stürme und Tsunamis abhalten, werden außer Kraft gesetzt.

Indonesien etwa verliere unter anderem durch hemmungslosen Sandabbau immer mehr seines Territoriums, berichtet die spanische Zeitung "El País". Mehr als zwei Dutzend Inseln des Archipels seien bereits komplett verschwunden.

Der bei weitem größte Sand-Exporteur sind die USA, der größte Importeur das für seine glitzernden Shopping Malls und Megabauten berühmte Singapur. Auf der Liste der Einfuhrländer belegt Deutschland immerhin den achten Rang.

"Sand-Mafia"

Viele Länder - vor allem in Südostasien - haben den Export von Sand verboten. Jedoch wird weiter mit dem Rohstoff gehandelt - nur eben illegal. Die so genannte "Sand-Mafia" operiere besonders erfolgreich in Indien, sagt Wissenschaftlerin Torres. "Sie gilt dort als eine der gewalttätigsten und undurchdringlichsten Gruppen des organisierten Verbrechens."

Sand sei ein ganz besonderes Material, das immer ausreichend vorhanden und extrem billig gewesen sei, sagt Torres. Das habe sich inzwischen geändert. Experten arbeiten bereits an Alternativen. "Bisher hat aber noch niemand eine Lösung gefunden, die den riesigen Hunger nach Sand stillen könnte."

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