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Weltbürgerbewegung: Der Mann, der die Menschheit einte - SPIEGEL ONLINE

Sonntag, 04.11.2018  
12:23 Uhr



"Als die Menschen durch den Rundfunk erfuhren, dass ihre Staatshäupter den Tieren nachgegeben und den ewigen Friedensvertrag feierlich unterzeichnet hätten, brach ein solcher Jubel auf der Erde aus, dass sich die Erdachse um einen halben Zentimeter verbog."

Erich Kästner, "Die Konferenz der Tiere" (1949)

Der wichtigste Text der Menschheitsgeschichte ist knapp 1300 Wörter lang und passt auf drei DIN-A4-Seiten. Er zeigt, dass wir vor 70 Jahren schon einmal weiter waren als heute. Wenn auch nur für einen kurzen Moment.

Am 10. Dezember 1948 wurde, gegen alle Wahrscheinlichkeit, die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" verabschiedet - ohne rechtlich bindend zu sein.

Autoren waren ein Kanadier, ein Libanese, zwei Franzosen und ein Chinese, unter der Leitung einer Amerikanerin, Eleanor Roosevelt. Die Ideengeber, unter anderem: Thomas Paine ("Die Welt ist mein Land und Gutes zu tun meine Religion"), George Mason, französische Revolutionäre, Immanuel Kant, Sokrates, Epikur und der chinesische Philosoph Mi To oder Micius. Der regte schon 500 Jahre vor Christus an, dass man doch "andere Staaten wie den eigenen betrachten" könnte, "andere Familien wie die eigene und andere Menschen wie sich selbst".

Von wegen "westliche Werte".

Der seltsame Geburtshelfer vom Broadway

Der unwahrscheinlichste Geburtshelfer des unwahrscheinlichen Textes aber war der Broadway-Schauspieler Garry Davis. Im Mai 1948 hatte Davis, unter dem Eindruck seiner Erlebnisse als US-Bomberpilot im Zweiten Weltkrieg, seinen US-Pass abgegeben und sich zum "Weltbürger Nr. 1" erklärt.

Während in Paris die Uno-Vollversammlung tagte, quartierte er sich auf dem Konferenzgelände ein, freundlich versorgt von Passanten und Anwohnern. Unterstützt wurde Davis von Intellektuellen, Anarchisten, Gewerkschaftern, Künstlern und Aktivisten, darunter André Breton und Albert Camus.

Am 18. November 1948 verschafften sich Davis und mehrere seiner Mitstreiter Zugang zum Konferenzsaal. Während einer Rede des jugoslawischen Delegierten begann Davis von der Galerie aus, lautstark eine Erklärung vorzutragen: "Delegierte, ich unterbreche Sie hiermit im Namen des Weltvolkes, das hier nicht vertreten ist..." Weiter kam er nicht. Er wurde gepackt und abgeführt.

"Die souveränen Staaten, welche Sie vertreten"

Während Davis in Haft landete - ein staatenloser Gefangener auf dem offiziell überstaatlichen Uno-Gelände - verlasen seine Begleiter im Sitzungssaal die mehrsprachige Erklärung. Sie forderten eine "Weltregierung", denn "die souveränen Staaten, die Sie vertreten, trennen uns und führen uns zum Abgrund des allumfassenden Krieges".

Kurz darauf trafen Solidaritätsbekundungen für die Weltbürgerbewegung ein, unter anderem von Albert Einstein und Albert Schweitzer. Die Idee eines gemeinsamen Menschheitsschicksals war in der Welt.

Während die Uno in den folgenden Wochen, gespalten durch den heraufziehenden Kalten Krieg, um die Menschenrechte rang, gingen die Pariser auf die Straße. Auch in anderen europäischen Städten, etwa Brüssel und London, bildeten sich Vereinigungen mit Tausenden Mitgliedern, die Davis und die Weltbürger-Erklärung unterstützten.

Nur einen der Verweigererstaaten gibt es noch

Als Davis am 3. Dezember, wieder in Freiheit, in der Pariser Salle Pleyel sprach, kamen 3000. Am 9. Dezember versammelten sich, je nach Quelle, 12.000 oder sogar 20.000 Davis-Fans im Pariser Vélodrôme d'Hiver. Vor dem Gebäude der Uno-Vollversammlung wurde demonstriert. All das "setzte die Delegierten so sehr unter Druck, dass sie am 10. Dezember gar nicht anders konnten, als die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zu verabschieden", heißt es in einer Broschüre (PDF, 5.4 MB), die die Giordano-Bruno-Stiftung zum 70. Jahrestag aufgelegt hat. Auch, wenn Davis weit mehr wollte als die Uno.

48 Staaten stimmten zu, acht enthielten sich. Sechs davon existieren nicht mehr, Staaten des ehemaligen Ostblocks. Der siebte war der Apartheitstaat Südafrika. Das achte Land, das nicht mitmachte, wegen des Passus zur Religionsfreiheit, war Saudi-Arabien - aus heutiger Sicht sehr aufschlussreich.

Wer schafft es heute, sich an diese 30 Regeln zu halten?

Tatsächlich verstößt beileibe nicht nur Saudi-Arabien ständig gegen die Erklärung. Etwa gegen das Verbot von "Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe", die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Meinungs- und Religionsfreiheit, das Diskriminierungsverbot.

Guantanamo, Drohnenmorde, Massenüberwachung - selbst die USA der Obama-Jahre schafften es keineswegs, die Menschenrechte einzuhalten. Unter Donald Trump ist es noch schlimmer geworden.

Und etwa das Recht auf "gleichen Lohn für gleiche Arbeit" ist bekanntlich bis heute nahezu nirgendwo auf der Welt umgesetzt, Stichwort "Gender Pay Gap". Human Rights Watch katalogisierte für 2017 Menschenrechtsverletzungen in mehr als 90 Staaten.

Menschenrechtsfeinde und Menschenfeinde

Es lohnt, sich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hin und wieder einmal vorzunehmen. Sie zeigt anschaulich, dass die Menschheit in ihrer Selbsterkenntnis schon einmal weiter war als heute. Nun sind wieder Männer an der Macht, die nicht nur heimlich, sondern ganz explizit hinter diese Freiheiten und Rechte für alle zurückwollen: von Orbán bis Bolsonaro, von Erdogan bis Duterte, von Putin bis Trump.

Deshalb ist Garry Davis' Ideal vom Weltbürger heute wichtiger denn je: Wenn wir nicht begreifen, dass wir eine Menschheit sind, werden wir an den globalen Herausforderungen einer globalisierten Welt - exponentielle technologische Entwicklung, Klimawandel, Atomkriegsgefahr und so weiter - scheitern.

Staatspräsident Davis?

In Erich Kästners eingangs zitiertem Roman "für Kinder und Kenner" wurde die Idee einer friedlichen Welt ohne Grenzen direkt nach Davis' Pariser Kampagne zum Literaturklassiker. Ob Kästner Davis je getroffen hat, weiß ich nicht, von ihm gewusst haben muss er - allein der SPIEGEL berichtete 1948 und 1949 diverse Male über den "Weltbürger Nr. 1". In einer Umfrage sprachen sich 1949 immerhin sieben SPIEGEL-Leser für den staatenlosen Davis als deutschen Staatspräsidenten aus. Demnächst kommt ein Dokumentarfilm über ihn ins Kino.

Bis zu seinem Tod 2013 gab Davis' Organisation über 500.000 symbolische "Weltbürger"-Pässe aus - einen der letzten an Edward Snowden. Wir sollten ihn nicht vergessen.

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