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Rechtsextremismus: Es kann nicht genug Antifa geben - SPIEGEL ONLINE

Dienstag, 04.09.2018  
13:50 Uhr


Auf den Tag genau 79 Jahre, nachdem das Deutsche Reich Polen angriff und damit den Zweiten Weltkrieg begann, erschien ein Text des "Welt am Sonntag"-Chefredakteurs Peter Huth, der davon handelte, dass "wir" keine Antifa brauchen. Interessant. Zum Thema Antifaschismus fällt Herrn Huth an diesem denkwürdigen Datum nur ein, dass in den Neunzigerjahren mal ein Skinhead blutig geprügelt wurde. Der "WamS"-Chef versucht, aufbauend auf dieser Erinnerung, die Ereignisse in Chemnitz zu analysieren und stellt fest: "Der Konflikt 'Antifa' gegen 'Nazis' vergiftet den Osten."

Nun ist es bei der Antifa so, dass niemand sie bräuchte, wenn es keine Nazis mehr gäbe. "Antifa" ist ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Gruppen von Leuten, die sich gegen Rassismus, völkischen Nationalismus und Antisemitismus engagieren und gegen die Verharmlosung von faschistischen Verbrechen.

Wer die Antifa mit einigen wenigen Schlägern gleichsetzt und als "Staatsfeind" bezeichnet, macht es sich nicht nur sehr einfach, sondern macht es vor allem falsch. Die Antifa leistet in Deutschland einen ganzen Haufen Bildungs-, Informations- und Mobilisierungsarbeit, die dazu beiträgt, dass es in diesem Land nicht noch düsterer wird, und wer all das ausblendet, hat entweder schäbig recherchiert oder will es nicht besser wissen.

Als seriöser Journalist weiß Huth natürlich, dass man differenzieren muss, aber das macht er dann - die Zeilen müssen ihm knapp geworden sein - nur auf einer Seite: "Und, nein, lange nicht alle auf den Demonstrationen nach der tödlichen Messerattacke auf einen Chemnitzer waren 'Neonazis'." Nein, klar. Manche waren vielleicht auch irgendeine andere Sorte von Rassisten. Faschisten, Reichsbürger, Identitäre, wer weiß. Offensichtlich waren sie radikal genug, neben Neonazis herzumarschieren.

Vieles könnte dieser Tage simpel sein

Wir befinden uns in einer Zeit, in der Leute einen Hitlergruß als Kollateralschaden ausufernder Trauerarbeit tolerieren. Die "taz" berichtet von einer Diskussion mit Bürgerinnen und Bürgern in Chemnitz, die vom sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer gefragt wurden: "Sind wir uns darüber einig, dass der Hitlergruß nicht okay ist?" Sie waren sich offenbar nur so mittelmäßig einig, obwohl die Frage ziemlich simpel war.

Vieles könnte dieser Tage ziemlich simpel sein. Wenn Rechtsextreme durch die Stadt marschieren, muss der Widerstand gegen sie so stark sein, dass sie nicht vorankommen. "Wenn Sie mich fragen, dann sind die Naziaufmärsche im Osten kein Problem, das man nicht mit zwei, drei Wasserwerfern in den Griff bekommen könnte", schrieb mein Kollege Jan Fleischhauer hier neulich. Ich glaube nicht, dass das reichen würde, aber es wäre ein Anfang.

Widerstand gegen Rechtsradikale muss radikal sein, es geht nicht anders. Radikal heißt in diesem Fall: breit aufgestellt, unnachgiebig, keine Menschenfeindlichkeit duldend. Die Nachrichten aus Chemnitz zeigen, dass Nazis in diesem Land zu wenig Angst haben. Und nicht nur die aus Chemnitz: Die AfD-Besuchergruppe aus dem Wahlkreis von Alice Weidel hatte nicht einmal genügend Ehre im Leib, in einer KZ-Gedenkstätte das Maul zu halten.

Und mitten in diese Zeit twittert der Berliner FDP-Politiker Sebastian Czaja: "Antifaschisten sind auch Faschisten." Gegen Rechte müsse man "laut sein, aber niemals radikal", schrieb er, und bezog sich dabei auf einen Tweet der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, die geschrieben hatte: "Rechte werden immer stärker, immer lauter, aggressiver, immer radikaler, immer selbstbewusster, sie werden immer mehr. Wir sind mehr (noch), aber zu still, zu bequem, zu gespalten, zu unorganisiert, zu zaghaft. Wir sind zu wenig radikal." Wenn Sie mich fragen, liegt sie damit komplett richtig. Sie löschte den Tweet dann leider, und erklärte, sie wolle das Wort "radikal" nicht mehr verwenden, "weil es als gewalttätig verstanden werden könnte".

Um die Wortwahl geht es nicht

Es stimmt, dass es so verstanden werden kann. Sobald man sich in der Öffentlichkeit positiv auf die Begriffe "Antifa" oder "radikal" bezieht, gibt es Leute, die das als Aufruf zu Gewalt verstehen. Aber genau das ist Teil des Problems.

Als im letzten Herbst klar wurde, dass die AfD in den Bundestag einziehen würde, schrieb ich eine Kolumne mit dem Titel "Antifaschismus muss Alltag werden". Ich rief darin nicht zu Gewalt auf. Ich zitierte die alte Antifa-Bauernregel "Antifa bleibt Handarbeit" und schrieb, das bedeute, "denen nachhaltig auf die Nerven zu gehen, die versuchen, sich als Konservative zu verkleiden, aber in Wirklichkeit für Rassismus, Nationalismus und völkisches Denken stehen".

Hier eine kleine Auswahl aus den Reaktionen.

Albert S. schrieb mir: "Besorgen Sie sich beizeiten Personenschutz, für den geistigen Dünnschiss, den Sie von sich geben!!!"

Ralf G.: "Was stimmt bei dir polnischen Hure nicht, du elendig rot versiffte Fotze Überlegen Sie, dass Sie zur Gewalt aufrufen, Sie als Dreckspolin haben in Deutschland nichts zu melden, du Hure bist auch nur hier, weil Du Luxus magst, versifftes Dreckstück!!"

Roland P.: "Nimmst dir mal ein paar deiner Freunde mit, dann zeig ich euch mal, was Handarbeit ist, wenn ihr euch wieder zusammenräumen könnt."

Marcus S.: "Was für eine armselige kleine und miese Person Du doch bist! Verlasse dieses Land und nimm Deine ganzen Antifa-Pisser gleich mit! Du mieses Stück Mensch!"

Nazis warten einen großen Teil der Zeit darauf, Vorwände zu finden, um behaupten zu können, Linke hätten sie bedroht. Die Antwort darauf kann aber nicht sein, sich ihnen weniger radikal entgegenzustellen. Im Gegenteil.

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"Aber muss man denn gleich 'radikal' werden? Täte es nicht auch ein 'konsequent'?", hieß es neulich in einem Kommentar auf Meedia.de. Natürlich täte es das. Oder "beharrlich" oder "ausdauernd" oder was auch immer. Um die Wortwahl geht es nicht, sondern um die Verdrehung von Tatsachen, wenn Leute den Widerstand gegen Faschismus als "genau so schlimm" darstellen wie den Faschismus selbst.

Wer wie FDP-Mann Czaja behauptet, Antifaschisten seien in Wirklichkeit auch Faschisten, unterstützt die Nazi-Rhetorik, die überall Bedrohungen sucht, auch wenn er eigentlich etwas ganz anderes sagen will (dass das Gewaltmonopol beim Staat liegt, in Czajas Fall).

Es gibt dasselbe Phänomen bei Feministinnen, die sich gegen Sexismus wehren und die als die eigentlichen Sexistinnen beschimpft werden, bei People of Color, die als "rassistisch" gegenüber Ostdeutschen dargestellt werden, weil sie sich nicht in ostdeutsche Städte trauen, oder bei Leuten, die Hate Speech öffentlich machen und dann als die eigentlichen Brandstifter gelten.

Es ist ein - schlechter - rhetorischer Trick, diesen Gruppen Widerstand zu verunmöglichen, indem man ihnen als einzige Art, sich zu wehren, ein sanftes Lächeln und ein paar warme Worte zugesteht.

Es stimmt, dass Antifaschisten und Antifaschistinnen manchmal gewalttätig werden. Es stimmt total. Sie mussten es zum Beispiel in den Vierzigerjahren werden, um das faschistische Deutschland zu besiegen, weil höfliche Ansprachen manchmal nicht ausreichen.

Würden die Leute im Falle der Antifa so viel Wert auf Differenzierung legen, wie sie es momentan im Fall von Nazis tun, die sie als "rechtskonservativ" oder "fremdenfeindlich" bezeichnen, dann hätten wir eine ganz andere Diskussion. Eine bessere.

SPIEGEL ONLINE

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