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Kommune Niederkaufungen: Die Revolution auf dem Dorfe

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Der Weg zum Kommunismus ist kurz. Bei Rewe vorbei, dann rechts bis zur
Aral-Tankstelle, über die Kreuzung in den Kirchweg hinein, wo Bauern in Fachwerkhäusern wohnen
und Kopfsteinpflaster die Straße bedeckt. An einem Holzzaun entlang, bei der Trauerweide nach
links, über einen asphaltierten Hof, und dann ist man schon da, im Kommunismus. In der Kommune
Niederkaufungen.

Die Kommune Niederkaufungen, zehn Kilometer von Kassel entfernt, das sind 57 Erwachsene und 18 Kinder. Das sind fünf Wohnhäuser mit zwölf Wohngemeinschaften, acht Autos, drei Waschmaschinen, eine Schreinerei, eine Schlosserei, eine Tagespflege für Demenzkranke, eine Mosterei, ein Tagungshaus, eine Kita, ein Hofladen, dazu rund zwei Hektar Felder und Gemüsebeete. Das ist: eine der letzten Bastionen des gelebten Kommunismus in Europa.

Seit 31 Jahren wohnen und arbeiten hier Menschen aus ganz Deutschland zusammen, Männer und Frauen, Handwerker und Akademiker, Junge und Alte. Menschen, die den Kapitalismus ablehnen. Die alles Geld, das sie erwirtschaften, in einen Topf legen, aus dem sich jeder nimmt, soviel er braucht, unabhängig davon, was er verdient. Die alles teilen, bis auf das, was jeder in seinem Zimmer hat.

Kommunismus, das ist, wenn jeder Mensch nach seinen Fähigkeiten arbeitet und jeder bekommt, was er für seine Bedürfnisse benötigt. So hat Karl Marx es vor 150 Jahren im
Kapital
beschrieben, ehe die russische Oktoberrevolution den Gedanken vor 100 Jahren in eine Diktatur verwandelte.

Im Großen ist der Kommunismus gescheitert. Im Kleinen existiert er weiter, zumindest hier, in Niederkaufungen.

Wie aber geht das? Wie lebt es sich als Kommunist inmitten einer kapitalistischen Welt? Ist es wirklich möglich, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der alle gleich sind? Was sind das für Leute, die sich für ein solches Leben entscheiden? Verbohrte Fanatiker? Naive Hippies? Bedürfnislose Asketen?

Oder einfach nur: glückliche Menschen?

Auch Patrick will das herausfinden – und dann womöglich hierbleiben. Gerade sitzt er im Gemeinschaftsraum der Kommune und schmiert sich ein Brot mit Apfel-Holunder-Aufstrich, hergestellt von der eigenen Mosterei aus eigenen Äpfeln, alles bio.

Vor anderthalb Wochen ist Patrick in die Kommune gezogen, wo sich alle nur beim Vornamen nennen, ein großer, kräftiger Mann, der als Jugendlicher miterlebte, wie sein Vater, ein IT-Experte, arbeitslos wurde. Freunde der Eltern wandten sich ab. Die Familie musste aus dem Haus ausziehen, das der Vater selbst gebaut hatte. Im Nachhinein war das wohl der Moment, in dem Patrick das Vertrauen in den Kapitalismus verlor.

Inzwischen ist er 25 Jahre alt, hat ein Freiwilliges Soziales Jahr in Mexiko absolviert, ein Studium angefangen und abgebrochen, mehrere Jahre auf Selbstversorgerhöfen gearbeitet und eine Schreinerlehre begonnen. Jetzt ist er hier, zumindest für ein paar Monate, um den Kommunismus auszuprobieren.

In der Kommune geht es offiziell zu. Patrick durfte nicht einfach einziehen, er musste einen Antrag auf Probezeit ausfüllen. Das Schreiben hängt, für alle sichtbar, am Schwarzen Brett. Darin hat Patrick nicht nur eingetragen, wie alt er ist und dass er drei Geschwister hat, sondern auch, dass sein Zahnschmelz dünn ist und er deshalb eine private Zahnzusatzversicherung besitzt, die 21 Euro im Monat kostet. Das ist wichtig, denn diese Kosten muss, wenn er bleibt, die Gemeinschaft tragen, genauso wie die Beiträge für Patricks Berufsunfähigkeitsversicherung. Kommunismus hat eben viel mit Geld zu tun.

Patrick, auch das steht in dem Antrag, hat 5.500 Euro gespart. Das ist sein Vermögen, und das wird er verlieren, wenn er hierbleibt. Wer sich entscheidet, Kommunarde zu werden, entscheidet sich, seinen gesamten Besitz der Kommune zu vermachen, egal ob es um 5.000, 50.000 oder 500.000 Euro geht. Dafür übernimmt die Gemeinschaft auch die Verbindlichkeiten eines Neumitglieds, zum Beispiel Bafög-Rückstände oder Zahlungsverpflichtungen eines bankrotten Handwerksbetriebs. Wer Schulden hat, wird sie hier los.

Für sein neues Leben hat Patrick nichts mitgebracht außer zwei Bananenkisten, darin zwei Bücher, Laptop, drei Paar Schuhe, zwei Arbeitshosen, ein paar T-Shirts und Pullover, außerdem Bettdecke und Kopfkissen von daheim, damit er sich zu Hause fühlt. Das ist alles.

Sollte ihm das nicht genügen und er plötzlich Lust bekommen, andere T-Shirts anzuziehen als die, die er dabeihat, muss er nur in die Kleiderkammer der Kommune gehen. Dort hängen mehrere Dutzend Hosen, Hemden, Pullover und Jacken, nach Größe geordnet, auch für die Kinder. Alles für alle, jeder nimmt, was er braucht, das ist das Prinzip. Und jeder gibt, was er nicht mehr benötigt.

An der Wand hängt ein Schild, auf dem steht, weshalb es sinnvoll ist, gebrauchte Kleidung zu tragen: "Die Produktion einer Jeans benötigt bis zu 11.000 Liter Wasser, bis zum Verkauf wird die Jeans bis zu 50.000 Kilometer weit transportiert. Diese natürliche Verschwendung von Ressourcen wollen wir so nicht!"

Um sich in der Kommune besser zurechtzufinden, hat Patrick einen Plan gemacht. Er hat ihn Arbeitsbereichkennenlernplan genannt und den Zettel in sein Postfach im Gemeinschaftsraum gelegt.

Jeder Kommunarde, der sich vorstellen kann, dass Patrick bei ihm mitarbeitet, kann sich in den Plan eintragen. Diese Woche ist schon ziemlich voll. Morgen wird Patrick die Dielen einer Wohnung abhobeln. Übermorgen arbeitet er bei Uli in der Verwaltung mit, Papierkram erledigen. Heute, nach dem Frühstück, wird er Kartoffeln sortieren. Und nächste Woche ist er bei Kathrin, in der Tagespflege für Demenzkranke.

Drei Waschmaschinen für 75 Menschen

In der einen Hand hält Kathrin einen Weidenkorb mit Wolle und bunten
Tüchern. In der anderen einen selbst gemachten Webrahmen aus Stöcken. Sie steht in der Mitte
des Raumes, um sie herum zwölf Stühle, zwölf Menschen mit verbrauchten Gesichtern, zwölf
Augenpaare, die sie anschauen, oder eigentlich nur elf. Eine Frau schläft im Sitzen.

"Und", fragt Kathrin laut und langsam, "mit welcher Farbe wollen wir beginnen?"

Früher, in ihrem kapitalistischen Leben, hätte Kathrin jetzt vor einem Computer gesessen und hätte Personalobergenzen in Tabellen erfasst. Kathrin, 44, ist studierte Volkswirtin. Bevor sie im Jahr 2011 in die Kommune kam, hat sie im Verkaufscontrolling eines Autozulieferers gearbeitet. Jetzt betreut sie Menschen zwischen 60 und 100, denen ihre Gedanken nicht mehr gehorchen. Einige erzählen jeden Tag dieselben Geschichten, andere erfinden ständig neue, wieder andere haben ihre Sprache vergessen. Alle wohnen sie in Dörfern und Gemeinden rund um Niederkaufungen. Ihre Angehörigen bringen sie tagsüber in die Kommune, damit sie hier betreut werden. Es ist eine der Einnahmequellen der Gemeinschaft, so wie die Kita, die Handwerksbetriebe, die Landwirtschaft und der Hofladen.

Warum aber entscheidet sich eine gut bezahlte Volkswirtin für ein Leben in einer Kommune? Für eine Arbeit in der Tagespflege für Demente?

"Mein Lohn war gut, die Unternehmenskultur auch, die Arbeitszeiten waren flexibel, was für mich als Alleinerziehende wichtig war", sagt Kathrin. "Aber das, was ich da tat, hat mich immer weniger interessiert. Und irgendwann habe ich mich gefragt: Wie erkläre ich meinem Sohn, was ich da eigentlich mache?"

Ihre Mutter arbeitete in der Pflege, Kathrin hörte ihr zu, wenn sie von ihrem Job erzählte, und dachte: Das will ich auch. Nur: Ohne Ausbildung hätte sie das nirgends gekonnt; eine Umschulung hätte ihr niemand bezahlt, sie hatte ja einen Beruf. Und mit einem Job als ungelernte Kraft hätte sie sich und ihren Sohn niemals ernähren können. Hier geht das. In der Tagespflege der Kommune arbeiten drei gelernte und vier ungelernte Betreuer. Und weil sie alle in einen Topf wirtschaften, haben sie alle am Ende gleich viel.

"Wollen Sie vielleicht den Filz hineinweben?", fragt Kathrin, stellt sich vor eine Besucherin und schaut zu, wie die ältere Dame langsam ein Stück Faden durch einen Webrahmen zieht. "Sieht doch prima aus", lobt Kathrin. Blickkontakt. Pädagogenlächeln.

Manchmal merkt man Kathrin die Volkswirtin noch an. Etwa wenn sie erklärt, wie sich mit Kommunismus Geld sparen lässt. Früher besaß sie eine eigene Waschmaschine, nur für sich und ihren Sohn. Die musste sie alleine bezahlen und benutzte sie nur alle paar Tage. Hier, in der Kommune, gibt es drei Waschmaschinen, für 75 Menschen. Das genügt, denn die Maschinen laufen jeden Tag von morgens bis abends. Wer seine Wäsche gewaschen haben will, packt sie in einen Korb, legt eines der roten Schilder dazu: "40 Grad mit Vorwäsche" steht darauf, "Kochwäsche" oder "Handwäsche" – und stellt ihn ins Regal. Jeder, der vorbeikommt, räumt eine Maschine aus, schnappt sich einen Korb mit ungewaschener Wäsche und startet einen neuen Waschgang.

Das alles, sagt Kathrin, sei ökonomisch sinnvoll, auch zeitökonomisch. In der Kommune spart sie nicht nur Geld, sondern auch Zeit, weil sie am selben Ort wohnt und arbeitet.

Kathrin hat die Vorteile des Kommunismus gegen die Nachteile des Kapitalismus abgewogen. Ganz rational. Dann hat sie sich für ein Leben in der Kommune entschieden.

Rund 30 Stunden die Woche arbeitet Kathrin in der Tagespflege, die restliche Zeit macht sie die Rentenberechnungen für die anderen Kommunarden und ist Ansprechpartnerin für Neulinge.

Wahrer Luxus sei es, sich seine Zeit frei einteilen zu können, sagt Kathrin, als sie am Nachmittag auf einem der Sofas im Gemeinschaftsraum sitzt und eine Tasse Tee trinkt. "Und den habe ich hier."

Irgendwann später sagt sie, sie müsse sich korrigieren: "Es ist kein Luxus, sich seine Zeit frei einteilen zu können. Es ist Reichtum. Luxus ist der Quatsch, den man kauft. Und der blödeste Luxus sind Klamotten. Wenn ich nur an die Hosenanzüge und Blusen denke, die ich früher in der Firma immer tragen musste. Furchtbar!"

Heute trägt sie ausgewaschene Jeans und abgetragene Langarmshirts. Kleidung aus der Kleiderkammer. Wie ihr Sohn. Der ist mittlerweile zwölf und findet das nicht mehr ganz so cool. "Neulich wollte er das erste Mal etwas Neues zum Anziehen. Er will, was alle Kinder in seiner Klasse haben." Die Kinder, die nicht in der Kommune wohnen, aber mit ihm auf die Schule im Ort gehen. Die Kinder, die mit ihren Eltern in Einfamilienhäusern leben, für die die Mitschüler aus der Kommune aber normal sind, genauso wie für die Lehrer. Die Kommunekinder sind seit 31 Jahren in den Klassen der Dorfschule, man hat sich an sie gewöhnt.

Noch sind die Wünsche von Kathrins Sohn für die Kommune bezahlbar. Die neuen Klamotten bekam er, ein Handy hat er auch. Kathrin musste nur an die Kasse gehen.

Die Kasse, sie steht in der Verwaltung, dem Büro der Kommune. Ein einfacher Holzkasten, gefüllt mit Geldscheinen. Die Verbindung zur Außenwelt. Wer draußen, im Kapitalismus, ins Kino gehen, sich Tabak oder doch einen neuen Pullover kaufen will, der nimmt sich Geld aus der Kasse, trägt seinen Namen auf einer Liste ein und dazu den Betrag und wofür er ihn benötigt. Maximal 150 Euro als Einzelausgabe sind erlaubt. Wie oft man in die Kasse greift, wie viel Geld man nimmt, ist jedem Kommunarden selbst überlassen.

Nach zehn Tagen in der Kommune muss Patrick, der Neue, nicht mehr nachdenken, wo der Vorratsraum für Toilettenpapier ist und wo der für Lebensmittel. Er weiß, wo was ist und wo was hingehört. Er weiß, dass Handys im Gemeinschaftsraum verboten sind. Doch wie das Leben hier funktioniert, so richtig, das weiß er immer noch nicht.

Er fragt sich: Was ist ein guter Kommunarde? Was ein schlechter? Wie mühselig werden die Diskussionen sein? Und was ist, wenn er mal mehr als 150 Euro ausgeben will, zum Beispiel um einen neuen Laptop zu kaufen?

"Was gibt es Gutes und Neues?"

Die Antwort: Er muss wieder eine Art Antrag stellen. Er muss die Ausgabe ankündigen. Der Zettel dafür hängt am Schwarzen Brett. Er ist schon ziemlich voll. Jacques braucht eine neue Brille für 860 Euro, Hella will für 170 Euro nach Berlin fahren, Kathrin mit ihrem Sohn für 200 Euro nach Hamburg, Martin will sich eine neue Matratze für 600 Euro anschaffen.

Gibt es innerhalb einer Woche keinen Widerspruch, geht der Wunsch in Ordnung. Die Brille kann gekauft, der Urlaub gebucht werden. Es kommt aber vor, dass Kommunarden mit Urlauben der anderen nicht einverstanden sind. Flugreisen sind schwierig, wegen des CO?-Ausstoßes. Manchmal konnten die Antragsteller nach langer Diskussion doch noch aufbrechen, manchmal sagten sie ihre Reise freiwillig ab. Nach Kreuzfahrten hat noch nie einer gefragt. Vermutlich wäre das Plenum ohnehin dagegen.

Das Plenum: Jeden Dienstagabend, um kurz vor sieben, schieben die
Kommunarden die Tische im Gemeinschaftsraum, an denen sie gerade noch gemeinsam zu Abend
gegessen haben, an den Rand und bilden einen Stuhlkreis. 28 Menschen nehmen Platz, der ein
oder andere hat sich schnell noch ein kaltes Bier aus dem Gemeinschaftskühlschrank geholt,
zwei Frauen stricken. Jeder weiß, das hier kann länger dauern. Zwei, manchmal drei oder vier
Stunden sitzen sie zusammen. Besprechen alles, was die Gruppe betrifft, diskutieren. Manchmal
entscheiden sie auch etwas.

Uli, ein Mann mit langem grauem Bart, der in der Verwaltung arbeitet und seit Gründung der Kommune dabei ist, hat eine Statistik darüber erstellt, wie viele Kommunarden zum wöchentlichen Plenum erscheinen. 60 Prozent nehmen im Schnitt teil. Eigentlich sollten alle kommen, aber gezwungen wird keiner. Manche kommen nie. Vielleicht sind sie die ewigen Debatten leid. Denn jeder Beschluss muss im Konsens gefasst werden, so steht es im Grundsatzpapier der Kommune. Eine Gegenstimme, und nichts geht mehr. Auch deshalb hat es Monate gedauert, bis sich die Kommune zum Umbau des Treppenhauses neben dem Gemeinschaftsraum durchgerungen hatte, Jahre, bis er schließlich Wirklichkeit wurde.

"Ich mache heute die Plenumsleitung", sagt Birgit, die Frau von Uli. "Robbi schreibt das Protokoll." Dann folgt der immer gleiche Ablauf:

"Was gibt es Gutes und Neues?"

"Wir hatten eine schöne Urlaubswoche im Allgäu."

"Das kleine Hoffest hat 250 Euro Gewinn gemacht."

Nächster Punkt: die Fehler der Woche. Otto will, dass keine Schuhe mehr im Heizungskeller abgestellt werden, weil jetzt die Heizsaison losgeht und er den Ofen befeuern muss, die Schuhe stehen im Weg.

Letzter Punkt, sagt Birgit, ist ein Stimmungsbild zu Hella. Hella wohnt seit drei Jahren in der Kommune, wie Kathrin arbeitet sie in der Tagespflege für Demenzkranke, wohnt im Haus C3, in der WG "Schattenreich" mit Uli und Birgit, mit Lissy und Frank und dem kleinen Jonathan, 15 Monate alt.

Vergangene Woche hat Hella einen Antrag ans Schwarze Brett gehängt. Sie möchte in eine Wohnung außerhalb der Kommune umziehen, weil es ihr hier zu eng wird, wie sie schreibt. Kommunardin will sie aber bleiben. Die Kommune müsste also für ihre Miete aufkommen.

Birgit fragt die Stimmung ab. Wer ist dafür, wer dagegen, wer ist sich noch nicht im Klaren? Die Kommunarden halten Schilder mit einem Smiley drauf hoch, der mal mehr, mal weniger glücklich aussieht, darunter steht die entsprechende Stimmung: bin begeistert, finde ich gut, ist mir noch unklar, so na ja, finde ich nicht gut, bin dagegen.

Acht Kommunarden sind noch unentschieden, fünf finden Hellas Idee gut, sechs so na ja, sieben finden sie nicht gut, zwei sind ganz dagegen. Patrick darf kein Schild hochhalten, er ist noch kein Kommunarde. Hella ist bei der Abstimmung nicht dabei. Sie liegt krank im Bett.

Wortmeldungen?

"Ich finde, wir sollten mehr auf individuelle Bedürfnisse eingehen", sagt eine Kommunardin.

"In Kommune leben heißt auch in Wohngemeinschaften leben", ein anderer.

"Ich verstehe, dass Hella das will", sagt eine Dritte. "Wer denkt nicht mal, ich will in einer Zweizimmerwohnung leben." Pause. "Aber das ist eben nicht Kommune." Und dann: "Ich will das finanziell nicht mittragen."

Gut, sagt Birgit, vertagen wir das.

Jeden Monat wird die finanzielle Situation der Kommune berechnet und am Schwarzen Brett ausgehängt, damit jeder die Lage kennt. Dort steht, wie viel die einzelnen Arbeitsbereiche der Kommune erwirtschaftet haben, wie viel die Menschen, die draußen, außerhalb der Kommune, arbeiten, verdient haben und was an sonstigen Einnahmen zu verzeichnen ist: Kindergeld vom Staat zum Beispiel.

Im August hat die Kommune 65.100 Euro ausgegeben. Für Lebensmittel, Autos, Zugfahrten und andere Dinge. Der Durchschnittsverbrauch pro Kopf lag bei rund 1.100 Euro. Gleichzeitig hat die Kommune 69.600 Euro eingenommen, macht für den August ein Plus von 4500 Euro.

In anderen Monaten, etwa wenn Renovierungen an den Häusern anstehen, rutscht die Bilanz ins Minus. Über all die Jahre aber gilt: Der Kommunismus schreibt schwarze Zahlen.

Ein paar Tage nach dem Plenum, an einem regengrauen Nachmittag, sitzt Hella, genesen von ihrer Erkältung, in ihrem Zimmer auf einem Bambusstuhl mit Schafsfell und schluckt die Tränen hinunter. Zwölf Quadratmeter groß ist ihr Zimmer. Ihr Reich, in dem nicht viel mehr steht als ein Bett, ein Regal, ein Kleiderschrank, auf dem Boden liegen ein paar Bücher.

Drei Jahre ist es her, dass sie von ihrer kleinen 30-Quadratmeter-Wohnung in Brieselang bei Berlin nach Niederkaufungen gezogen ist. Drei Jahre, das ist die Zeit, nach der die meisten hier gehen, wenn sie gehen. Dann, wenn die Verliebtheitsphase vorbei ist und man merkt, was einen am Partner stört. Nur dass es hier in der Kommune nicht nur ein Partner ist, der die Zahnpastatube nicht zudreht, sondern drei oder vier WG-Partner und mehr als 50 Mitkommunarden.

Hella kam nach Niederkaufungen, als ihre Kinder aus dem Haus waren, zwei erwachsene Jungs. Ein Neustart mit 49. Ihr sei das Soziale wichtig, sagt sie, sie wollte Teil einer Gemeinschaft sein. Aber Hella hatte zuvor nie in einer Wohngemeinschaft gelebt. Bald merkte sie, dass sie "das WG-Leben auf so engem Raum" schwer erträgt. "Andere reden, husten oder atmen zu hören, wenn das Interesse aneinander gering ist oder das Konfliktpotenzial hoch." So steht es in ihrem Antrag am Schwarzen Brett.

Die Antwort ist stets dieselbe

Inzwischen benutzt sie kaum noch die gemeinsame Küche in der Wohngemeinschaft, sie geht sogar ungern ins gemeinsame Badezimmer. Auch am Plenum nimmt sie nicht teil, weil es ihr abends sonst zu spät wird und sie nach den Diskussionen oft nicht einschlafen kann. Sie ist nicht in einer Politgruppe wie Alicia, die sich für Transgender engagiert und das lady*fest-Kassel mitorganisiert, nicht in der Willkommensgruppe für Flüchtlinge, nicht bei Attac wie Uli oder bei der Interventionistischen Linken wie Patricia.

"Hella engagiert sich kaum", hat ein Mitkommunarde unter ihren Antrag geschrieben. Hellas Wunsch wird nicht nur danach beurteilt, ob die Kommune es sich leisten kann, dass sie in eine eigene Wohnung zieht. Hella wird auch danach beurteilt, was sie der Kommune bringt. "Dabei wollte ich doch gerade mit dem Einzug hier aus dem Leistungsprinzip der Gesellschaft rauskommen", sagt sie.

Hella weiß, wenn sie keine Lösung finden werden, die gut für die Gruppe ist, wird sie gehen müssen. Nicht weil man sie rausschmeißt, das gab es hier noch nie, denn auch das müsste im Konsens geschehen, sondern weil sie es nicht mehr aushält. Schon jetzt flüchtet sie an den Wochenenden zu ihrem Freund nach Kassel. Auch er lebte früher in der Kommune. Vor zehn Jahren zog er aus. "Er ist Elektroingenieur, hat viel für die Kommune gemacht, die ganze Elektrik", sagt sie. Irgendwann war es ihm zu viel. Ihm fehlte die Wertschätzung. Da ging er.

Patrick, der Neue, steigt die Treppe neben dem Gemeinschaftsraum hoch, zweiter Stock, öffnet die Haustür zur WG "Obenauf", die, wie alle Türen hier, niemals verschlossen ist, dann links in die kleine Küche mit dem Holztisch und den zwei Sofas. Auf dem einen nimmt er Platz. Neben ihm sitzt Lisa. Astrid holt Gemüsechips und Bier, setzt sich auf die Couch gegenüber. Dann stellt Patrick seine erste Frage: "Seid ihr glücklich?"

Es ist Patricks viertes WG-Gespräch, acht hat er noch vor sich. Jeder, der überlegt, in die Kommune einzuziehen, muss mit jeder der zwölf Wohngemeinschaften ein Gespräch führen. Um sich besser kennenzulernen und um herauszufinden, in welche WG er einziehen möchte. Patrick hat sich eine Liste gemacht mit Fragen, die er allen stellt: Bist du glücklich? Bist du zufrieden? Wo siehst du die Kommune in zehn Jahren? Was schätzt du hier? Was vermisst du?

Auf jede gleiche Frage bekommt er ganz unterschiedliche Antworten. Patrick spricht mit Kommunarden, die sich selbst als überaus glücklich bezeichnen. Andere mögen ihr Leben hier nicht mehr, trauen sich aber nicht, die Gemeinschaft zu verlassen, weil sie dann "im Draußen" von vorne beginnen müssten. Oft hört er, dass man hier schnell im eigenen Kosmos versinke, in den eigenen Problemen und Problemchen.

Nur auf die Frage, wo der Kommunarde die Kommune in zehn Jahren sieht, ist die Antwort stets dieselbe. Erst Schweigen. Schulterzucken. Dann ein langes "Pffff".

Dieses Fehlen einer Zukunftsvision ist vielleicht kein Zufall. Der Kapitalismus mit seiner Maßlosigkeit, dem ewigen Konkurrenzkampf ist stets auf Veränderung aus. Weshalb in einer kapitalistischen Welt ständig neue Bilder der Zukunft entstehen. Der Kommunismus dagegen verspricht das Ende des Kampfes, den Sieg der Solidarität. Was soll da morgen anders aussehen als heute?

Spät am Abend sitzt Patrick allein in der Raucherecke, einem Unterstand mit einem Sofa im Garten der Kommune, während der Regen aufs Ziegeldach pladdert. Er gähnt, zieht die Wolldecke ein Stück höher. Manche WG-Gespräche, sagt Patrick, verliefen ganz anders als erwartet. Einmal sei er zum Beispiel gefragt worden, wie er es mit Drogen halte. Seine Antwort war, dass er ab und zu schon mal gerne betrunken sei. "Danach haben wir eine Dreiviertelstunde darüber gesprochen, ob ich ein Suchtproblem habe", sagt er und nimmt einen Schluck von seinem Feierabendbier.

Patrick lacht. "Draußen denken die Leute sofort an nackte Menschen und Hippies, wenn ich erzähle, dass ich in einer Kommune leben will, und hier drinnen werde ich gefragt, ob ich ein Suchtproblem habe, nur weil ich gerne mal was trinke."

Noch ist Patricks Bild von der Kommune wie ein unfertiges Gemälde. Jeden Tag kommt eine neue Farbe hinzu, manchmal muss er einen schon gezogenen Strich korrigieren, weil das Bild doch anders ist, als er dachte.

Er hat sich die Kommune mehr als ein Team vorgestellt, wie eine Fußballmannschaft, wo es eindeutig ist, wir gehören zusammen. Jetzt denkt er: Die große Gemeinschaft gibt es hier gar nicht.

Am Anfang sah er nur die Freiheiten, die er in Niederkaufungen hätte: selbstbestimmt zu arbeiten. Sich so zu kleiden, wie er will. Sich Dreadlocks zu machen, wenn er das möchte, weil es hier keinen Chef gibt, der ihn wegen Äußerlichkeiten nicht einstellen würde.

Inzwischen sieht er auch die Zwänge: Im Februar bekommt er Besuch von
einer Freundin aus Mexiko, für zwei Wochen, vielleicht auch länger. Früher wäre das allein
seine Sache gewesen, nun überlegt er, wann er den Besuch ankündigen müsste und was er machen
würde, wenn jemand es nicht gut fände, dass er mehrere Wochen Besuch hat.

Patrick merkt, wie schwierig es ist, ständig einer Gruppe gerecht werden zu müssen. Andererseits ist er dankbar dafür, dass er jederzeit aufs Fahrrad steigen kann und weiß, es funktioniert, weil es in dieser Gruppe jemanden gibt, der die Räder für alle repariert. Neben der Lohnarbeit hat jeder Kommunarde zwei oder drei sogenannte Kümmerdienste. Uli ist zuständig für den Fußboden des Clubraums, den Sperrmüll und die Zeitungsablage, Jona putzt die Fenster, Kathrin aus der Tagespflege kümmert sich um das Blumenbeet im Garten. 225 Dienste für 57 Leute. Hinter allem steht jemand, der es macht. Für die Gruppe.

Seit zwei Wochen ist Patrick jetzt hier. Will er Teil dieser Gruppe sein? Er schweigt, nippt am Bier. Dann sagt er: "Ich weiß es nicht. Noch nicht."

In 31 Jahren Kommune gab es viele, die irgendwann abhauten. Einer ging, weil er es leid war, sich ständig für seine Ausgaben rechtfertigen zu müssen, und weil ihm die Geduld für die Konsensentscheidungen fehlte. Ein anderer, weil er sich in eine Frau verliebte, mit der er zusammenleben wollte und sie auch mit ihm – aber eben nicht in der Kommune. Und dann gab es noch eine, die ging aus Geldgier. Eine, die jahrzehntelang hier gelebt und immer ganz genau darauf geachtet hatte, dass auch ja jeder sein gesamtes Vermögen einbrachte. Bis sie erbte: 150.000 Euro. Da entschied sie, dass es nun auch mal gut sei mit dem Teilen.

Es ist ein Sonntagmorgen, und Sanne wartet auf Patrick. Als er nach ein paar Minuten nicht erschienen ist, holt sie den Schlüssel aus dem Verwaltungsgebäude, für eines der acht Kommuneautos, das sie für heute reserviert hat. Sanne muss zur Arbeit. Um zehn Uhr ist Gottesdienst.

Sanne, 49, die eigentlich Susanne heißt, ist Pastorin. Und eigentlich wollte Patrick mit zum Gottesdienst. Er wollte von Sanne wissen, warum eine Pastorin in der Kommune lebt. Ob sie hier glücklich ist, was sie vermisst – aber er hat diese Woche schon beim Kommunechor mitgesungen, beim Qi-Gong-Kurs im Bewegungsraum den Kranich gemacht, beim Plenum zugehört und diskutiert. Dazu noch die abendlichen WG-Gespräche, sein Arbeitsbereichkennenlernplan. Patrick hat verschlafen.

"Ich weiß, dass es ungewöhnlich ist, dass eine Pfarrerin in einer politischen Kommune lebt", sagt Sanne, während sie das Auto über die Landstraße lenkt. In einer Stunde hat sie Vertretungsgottesdienst im Nachbardorf, sie hat nur eine halbe Stelle. Mit einer vollen müsste sie, wie jeder Pfarrer, im Pfarrhaus wohnen. Will sie aber nicht. Vielleicht auch, weil sie genau weiß, wie es ist, wenn man als Pastorin Tag und Nacht für seine Gemeinde da ist. Sanne stammt selbst aus einem Pfarrhaus, schon ihr Vater war Pastor.

Sanne hat einen Mann und zwei jugendliche Kinder, sie wollte nie nur allein mit der Familie leben. "Und die Dinge zu teilen, die man besitzt, das ist ja auch etwas sehr Christliches", sagt sie.

Sie parkt an der Kirche, auf den herbstlich kalten Kirchenstufen legt sie den Talar ab, auf den sie sich setzt, bevor sie weiterspricht. Seit 18 Jahren lebt sie in der Kommune, seit 18 Jahren fragt sie sich immer wieder, ob das richtig ist, ob es nicht einfacher geht. Oft vergleicht sie ihr Leben mit dem ihrer Freunde außerhalb der Kommune. "Die reisen nach Kenia oder Kasachstan, haben dauernd das Neueste und Größte von allem, da werde ich neidisch und denke: Warum tu ich mich so schwer, nur eine neue Jacke zu kaufen? Warum lebe ich freiwillig in bescheidenen Verhältnissen? Aber wenn ich in der Kommune bin, weiß ich wieder, warum ich das will." So hilft ihr, der Christin, die Kommune beim Askese-Gedanken.

Dann erzählt sie davon, wie schwierig es am Anfang in der Kommune war. Die Kirche sei hierarchisch, sagen auch heute noch einige Kommunarden. Religion sei Opium fürs Volk, sagen andere. Sanne hält keine Gottesdienste in der Kommune, das würde vermutlich keiner wollen.

"Sag mal, bin ich hier falsch?", sagt Sanne plötzlich. "Hier ist gar keiner." Sie steht auf, greift den Talar, auf dem sie eben noch gesessen hat. "Oh Gott, es ist die andere Kirche!"

Im Dezember 1986 zogen sie ein

Mit dem ersten Glockenläuten kommt sie an, Hände schütteln, Talar
überwerfen. Gottesdienst. Acht Besucher sind in die kleine Kirche gekommen, die mehr die Größe
einer Kapelle hat. Sanne redet in ihrer Predigt über Familien – dass sie nicht unbedingt
Blutsverwandte sein müssen. Sie sagt, dass auch Jesus von seinen Brüdern und Schwestern
sprach.

Eine gute Stunde, dann ist der Gottesdienst um. Die Kirchgänger werden jetzt zu Hause mit ihren Familien Mittag essen, Sanne im Gemeinschaftssaal der Kommune. Mit Kathrin und Patrick und ihren beiden Kindern und all den anderen.

Als die Kommunarden mit der Zeit merkten, dass Sanne sie nicht missionieren will, wurden die kritischen Stimmen leiser. Inzwischen macht sie für viele die Beerdigungen in der Verwandtschaft, nicht alle streng kirchlich. Im Sommer hat sie zwei Trauungen abgehalten. Klassisch kirchlich. Mit Braut in weißem Kleid. Es waren Kommunekinder.

Viertel nach acht am Abend, Uli schaltet den Fernseher aus. Wie jeden Tag ist er mit seiner Frau Birgit in den Gemeinschaftsraum der WG gegangen, um die Nachrichten zu gucken. Sonntag ist WG-Abend, Dienstag Plenum, Donnerstagnachmittag gehen Birgit und er in die Sauna. Alltag und Rituale, gewachsen in vielen Jahren. In 31 Jahren, um genau zu sein. Uli und Birgit, 63 und 61 Jahre alt, sind in Niederkaufungen so etwas wie Dinosaurier. Von Anfang an mit dabei. Mitbegründer.

Es war im Winter, Ende 83, als Uli die Kleinanzeige in der
taz
entdeckte: "Politisch-ökologisches Projekt bei Hamburg. Wir werden ein Projekt mit 100 Erwachsenen beginnen, in dem es keinen Privatbesitz an Produktionsmitteln gibt." Und weiter unten: "Wer mehr wissen will, bestellt unsere Infobroschüre für 4 DM."

Uli wollte mehr wissen. Schon länger hatten er und Birgit nach einem Ort gesucht, an dem man zusammen leben und arbeiten kann, aber die meisten Projekte waren rein landwirtschaftliche, und Uli machte gerade sein Referendariat als Bauingenieur in der Wasserwirtschaft, Birgit ihr Anerkennungsjahr als Sozialarbeiterin. Vielleicht, dachte Uli, ist das ja was für uns.

Uli und Birgit waren geprägt von der 68er-Aufbruchsstimmung, sie glaubten daran, dass sich die Gesellschaft umkrempeln ließe. Sie gingen auf Friedensdemos, ketteten sich in Brokdorf bei Anti-AKW-Protesten aneinander. Und selbstverständlich hatte Uli
Das
Kapital
gelesen, nicht nur den ersten Band, sondern alle drei Bände. Eine Gemeinschaft, in der die Theorie zur Wirklichkeit würde – klang gut, fand er.

Die Interessierten trafen sich alle sechs bis acht Wochen in Hamburg. Im Februar 1984 fuhren Uli und Birgit zum ersten Mal hin. Menschen aus ganz Deutschland waren da, hundert Leute insgesamt – und sie wollten hundert Hektar haben.

Fast 300 Objekte schauten sie sich an, stillgelegte Bauernhöfe meist. Der eine war zu teuer, der andere zu abgelegen, irgendwas war immer. Bei Lüneburg fanden sie einen Hof, auf den sie sich einigen konnten. Zu spät. Am 1. April 1986 schrieb der Makler, das Objekt sei verkauft. "Das war der Tiefpunkt. Da dachten wir, es war mal eine gute Idee, aber es wird wohl nie was werden", sagt Uli.

Doch als sie das letzte Treffen unter dem Motto "Sterben lassen oder nicht?" abhielten, da kam einer, der kannte einen, dem ein Gutshof in Niederkaufungen gehörte. Ein paar Wochen später saßen sie in der heutigen Kita: ein heruntergekommenes Wohnheim, in dem zuvor ausländische Arbeiter gelebt hatten. Vor jedem Zimmer ein Stromzähler, in jedem Zimmer ein Klohäuschen.

"Was Besseres", sagt Uli, "hätten wir nie finden können."

"Es war scheußlich", sagt Birgit.

Im Dezember 1986 zogen sie mit 13 weiteren Kommunarden ein.

Uli und Birgit haben ihre zwei Kinder hier großgezogen. Sie haben, wie Uli sagt, ihr Leben und ihre Lebensenergie hier reingesteckt. Sie haben gesehen, wie sich die Kommune wandelte, wie Menschen einzogen, die Kleinfamilien eigentlich klasse fanden, weil sie nicht mehr bei Eltern aufgewachsen waren, die der Krieg geprägt hatte. Wie statt der Frage "Was kann ich für die Kommune tun?" immer häufiger gesagt wurde: "Die Kommune könnte doch!" Wie zu einem Haufen Weltverbesserer immer mehr Individualisten hinzukamen, die weniger die Welt, sondern in erster Linie sich selbst verbessern wollten.

Uli sagt, er habe nie an der Kommune gezweifelt. Aber er weiß, dass das Leben hier nicht auf ganz Deutschland übertragbar wäre. Dass jemand, der in Hamburg wohnt, nicht sein Vermögen mit jemandem in Mecklenburg teilen würde, den er gar nicht kennt. "Dennoch", sagt Uli, "ist die Gesellschaft, so wie sie zurzeit läuft, zum Untergang verurteilt!"

Er referiert dann über "das Leben auf Kosten anderer", über den Atommüll, unter dem die nächsten Generationen leiden werden, über Ausbeutungsverhältnisse, über Wachstum in einer begrenzten Welt. Das kapitalistische System sei nicht zukunftsfähig. "Und wenn auf gesellschaftskritischen Veranstaltungen die Frage kommt, was man ändern müsste, dann antworten die Menschen: ökologischer leben, gemeinsam arbeiten. Und das ist genau das, was wir hier machen", sagt Uli.

"Es ist anstrengend, so zu leben"

"Das kann man aber niemanden aufdrängen", fügt Birgit hinzu. "Es ist anstrengend, so zu leben. Man muss das wollen." Ihre beiden Kinder wollten es nicht. Als sie volljährig waren, verließen sie die Kommune.

Uli und Birgit wollten familiäre Kleinstrukturen abbauen, als sie hier einzogen. Ihr Sohn lebt heute in einer Kleinfamilie, so wie viele Kommunekinder. Einer von ihnen war bis vor Kurzem Investmentmanager beim US-Finanzunternehmen Capital Group, derzeit ist er auf einer Business-School in Singapur. Er wolle möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen, hat er seiner Mutter gesagt, die noch in der Kommune lebt.

Die Kinder der Kommunegründer haben gemeinsam, dass sie traditioneller leben als ihre Eltern, man könnte auch sagen, sie sind spießig geworden. Doch auch die Eltern haben etwas gemein: Sie werden ihren Kindern nichts vererben. Und das, was sie ihnen hinterlassen könnten, ihre Weltsicht, wollen die Kinder nicht haben. Natürlich habe sie sich gefragt, was sie falsch gemacht habe, sagt die Mutter des Investmentmanagers. Aber sie sagt auch: Es ist sein Leben, er muss damit glücklich werden.

Vielleicht hat ihr Sohn ihre Ideale verraten, aber die Kommunardin würde sie ebenso verraten, wenn sie ihr Kind nicht sein lassen könnte.

Sechs Gründer der Kommune sind noch da, der älteste ist 70. Und so wie Uli und Birgit wollen sie weiterhin bleiben. Sie wollen hier alt werden und vielleicht auch hier sterben.

Vor ein paar Jahren bekam eine Kommunardin Krebs, sie wurde pflegebedürftig. Sie musste nicht in ein Hospiz. Kommunarden betreuten sie, wechselten sich ab. Kümmerer, die da waren. Bis zum Schluss.

An einem Vormittag Mitte September, bei Nieselregen und Wind von der Seite, steht Uli auf dem Kartoffelernter, der seine Bahnen übers Feld zieht. Vier Mann stehen nebeneinander auf dem Ernter, den Blick auf die Kartoffeln gesenkt, die die Maschine aus dem Boden gräbt und über das Band nach oben treibt. Acht Hände, die Erdklumpen und faulige Kartoffeln aussortieren. "Gemeinsam wollen wir die Ernte einfahren", steht auf dem Zettel, der im Gemeinschaftsraum hängt. Und so sind sie jetzt auf dem Feld und helfen mit.

Doch dann quietschen plötzlich die Bänder des Kartoffelernters. Erst leise. Dann immer lauter. Stillstand. Das Triebwerk ist hin. Nichts geht mehr. Die Kartoffeln müssen in der Erde bleiben.

Erst am Nachmittag, der Regen hat aufgehört, der Wind nachgelassen, kommt doch noch Hoffnung auf. Irgendwer hatte die Idee, den alten Roder hinter den Trecker zu spannen, der wie eine Harke das Feld umpflügt. Die Kartoffeln muss man dann von Hand aufsammeln. Erstes Anfahren. Erste Meter der Bahn. "Stopp!", ruft einer. "Scheiße, der Roder geht nicht tief genug", ein anderer. Erneute Versammlung, dann wieder ein Vorschlag: "Wir sollten den Trecker beschweren."

Und jetzt sitzt Patrick, der Neue, der sich noch immer nicht sicher ist, ob er hier leben will, vorne auf dem Trecker, um ihn mit seinem Gewicht tiefer in den Boden zu drücken. Uli und 20 andere, Erwachsene und Kinder, gehen hinter dem Trecker her und sammeln die Kartoffeln auf. Eine, zwei, drei Bahnen.

Kommune Niederkaufungen


Hinter der Geschichte

Ausgangsfrage: Wie lebt es sich heute als Kommunist – mitten in einer kapitalistischen Welt?

Herausforderung: In der Kommune Niederkaufungen ist jede Entscheidung eine Konsensentscheidung – das heißt, alle 57 erwachsenen Bewohner müssen sich einig sein. Ob sie für zwei Wochen in die Kommune ziehen dürfe, um eine Reportage zu schreiben, fragte unsere Autorin. Vier Wochen vergingen, bis die Entscheidung fiel. In dieser Zeit musste sie sich persönlich vorstellen, ihre Anfrage wurde im Plenum besprochen, es folgte eine Bedenkzeit – und dann erst kam die Antwort per Mail: "Es gibt keine Einwände."

Nach drei Stunden, als der Himmel vollends aufklart und die Abendsonne sanft aufs Feld scheint, sind die Säcke gefüllt. Die Ernte ist eingefahren. Von ihnen. Von Volkswirten, Architekten, Sozialarbeitern, Handwerkern, Bauingenieuren, Landwirten. Eine Gruppe von Menschen, die anders leben wollen und dabei so häufig mit sich hadern. In diesem Moment aber, als sie nach der Arbeit am Rand des Feldes zusammenstehen, Likör trinken, Kartoffelpuffer essen und zuschauen, wie die Kinder Drachen steigen lassen – in diesem Moment, irgendwo zwischen Hippie und Bullerbü, da scheinen sie alle zu wissen, warum sie hier sind.

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