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Karrieren nach #MeToo: Kein bisschen komisch

Donnerstag, 03.01.2019  
18:01 Uhr

"My life is over, I don't give a shit", wirft Louis C.K. irgendwann in seinem rund 50 Minuten langen Stand-up-Programm ins Publikum des Governor's Comedy Club. Das Lokal in New York diente in der Woche vor Weihnachten als Probebühne für den zweiten Comebackversuch des 51-jährigen US-Komikers, dem 2017 von mehreren Frauen vorgeworfen wurde, vor ihnen masturbiert zu haben. Die Karriere von C.K., bürgerlich Louis Székely, einem der bekanntesten und erfolgreichsten TV- und Bühnen-Comedians, schien damals abrupt beendet, ein 15-minütiger Auftritt im New Yorker Comedy Cellar im vergangenen August wurde von vielen als zu früh bewertet.

Damals wie auch jetzt nahm C.K. in seinem Set keinerlei Bezug zu der #MeToo-Bewegung, die ihn zu Fall brachte, noch zu den konkreten Vorwürfen gegen ihn. Bereits im November 2017 hatte sich der Komiker in einem Statement reuevoll wegen seines Machtmissbrauchs gezeigt und angekündigt, sich für eine lange Zeit zurückzuziehen, um "zuzuhören", wie er damals schrieb. Ähnlich wie sein Schauspielerkollege Kevin Spacey, der sich zum Jahreswechsel mit einem bizarren Video aus der Stille nach den Missbrauchsvorwürfen zurückmeldete, scheint C.K. die Bußfrist nach etwas über einem Jahr für beendet zu betrachten.

Darüber, ob und wann es für Schauspieler und Comedians wie Spacey oder C.K. eine Karriere nach #MeToo-Vorwürfen geben kann, lässt sich lange diskutieren. Während der eine oder andere sich eventuell noch vor Gericht verantworten muss, hat die Gesellschaft noch keine Rehabilitationsregeln für die Sex Offender der #MeToo-Ära gefunden. Es ist ein soziokultureller Prozess, der gerade erst beginnt - und durch missglückte Comebackversuche wie von Louis C.K. und Kevin Spacey nicht befördert, sondern eher torpediert wird.

Obszönität geht ja immer

Denn so unterschiedlich die Auftritte der beiden Männer auch sein mögen, sie sind beide vor allem eins: selbstgerecht, verbittert - und kein bisschen komisch.

Letzteres betrifft einen Komiker wie C.K. noch mehr als einen Charaktermimen wie Spacey, denn gerade der Comedian besitzt das Handwerkszeug und die Lizenz, über alles Witze zu reißen - auch und vor allem über sich selbst. 49 lange Minuten hätte C.K. am 16. Dezember im Governor's Comedy Club Zeit gehabt, sich in einen gesellschaftlichen Diskurs zu begeben, vielleicht gar neue Wege aufzuzeigen, wie die Gesellschaft mit der Schwere und Gravitas von #MeToo-Vorwürfen und allen weitreichenden, darin enthaltenen Implikationen über Machtgefüge und Geschlechterverhältnisse umgehen soll.

Tabubrechend, mutig und radikal im Sinne wäre es also vielleicht gewesen, hätte C.K. das Thema #MeToo-Bewegung, wenn nicht gar seine eigene Rolle darin zur Basis eines neuen, aufklärerisch motivierten Programms erklärt. Zu verlieren hat er ja, laut eigener, selbstmitleidiger Aussage - siehe oben - ohnehin nichts mehr. Und wer weiß, vielleicht wäre sogar der eine oder andere gute Gag dabei herausgekommen.

Tatsächlich beklagte sich C.K. zunächst langwierig über sein "Scheißjahr" und wie schlecht es ihm die letzten Monate gegangen sei und rechnete vor, wie viel Geld ihm durch die Kündigung seiner Shows und Engagements durch die Lappen gegangen ist.

Doch statt dann beim eigentlich interessanten und brisanten Thema zu bleiben und die eigene Opferpose zu parodieren, riss er lieber Witze über die betroffenen Teenager und Opfer des Highschool-Massakers von Parkland. Er beleidigte non-binäre Personen und ihr Anliegen, politisch korrekt angesprochen zu werden und witzelte über Auschwitz und "jewish faggots". Und als ihm am Ende gar nichts mehr einzufallen schien, kramte er noch den abgehangenen und schlecht alternden Gag über Schwarze und ihre großen Schwänze aus der Rassismusmottenkiste. Zum Schluss ging es dann noch um Streiche mit Analverkehr und Lippenstift. Obszönität geht ja immer.

Empfehlung als Trump-Anheizer

Sollte C.K., bisher ein eher den Demokraten zugeneigter Liberaler, im Sinn gehabt haben, sich mit einer neuen Comedy-Persona als Hauskomiker für Right-Wing-Versammlungen oder als Anheizer für Trump-Kundgebungen zu empfehlen, mag ein solch reaktionäres Alter-Knacker-Programm klug gewesen sein. Es ist ein Programm für alternde, gesellschaftlich privilegierte Männer, die nicht verstehen, warum die Jugend sich nicht bekifft oder mit Pilzen zudröhnt, sondern stattdessen vor dem US-Kongress für Waffenkontrollgesetze demonstriert. Die nicht verstehen, warum auf einmal so viele Menschen von irgendwas "offended" sind, was früher, in der guten alten Zeit, ganz normaler Sprachgebrauch war. "Schwuchtel" zum Beispiel, oder "zurückgeblieben" als Bezeichnung für geistig Behinderte.

Die Empörung angesichts des von einer Privatperson aus dem Publikum auf YouTube veröffentlichten Audiomitschnitts von C.K.s Auftritt ließ nicht lange auf sich warten, vor allem Angehörige der Parkland-Opfer zeigten sich zu Recht bestürzt.

Über einen zunehmend konservativen (und durchaus humorarmen) Zeitgeist, der nicht, wie zu Zeiten von Lenny Bruce oder Richard Pryor, von der Regierung als moralisches Anstandsdogma verordnet und bewacht wird, sondern via Tribunalmedien wie Twitter, Facebook und Instagram direkt aus der Bevölkerung herausventiliert wird, kann sich gute Comedy durchaus mit ätzender Schärfe lustig machen, es ist Teil ihrer gesellschaftlichen Funktion. Aber sie sollte dabei schon auch lustig sein.

So ist bei diesem Auftritt gewissermaßen noch bestürzender als C.K. selbst: das im Mitschnitt leider überlaut zu hörende, hysterische Gelächter des Publikums über seine uninspirierten Gags.

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