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Dokumentation über den CCC: Liebe Kinder, lernt löten

Sonntag, 04.11.2018  
07:26 Uhr

Am Anfang ist da nur dieser Gedanke: och nö. Ein Drohnenflug. Start im Himmel, Ziel der Boden. Langsam landet die Kamera, senkt sich an einem Betonbau herab, auf dem Dach steht CCH. Das Kongresszentrum in Hamburg. Alles grau hier. Aus dem Off eine verzerrte Computerstimme, die auf Englisch die Geschichte von einem Hacker-Raumschiff erzählt, das vor vielen Jahren in unserem Sonnensystem gestrandet ist. Der zweite Gedanke: Wäre es sehr peinlich, sich jetzt noch aus dem Kinosaal zu mogeln? Ja.

Was für ein Glück. Sitzenbleiben war selten so eine gute Wahl.

Das Werk "All Creatures Welcome" der unabhängigen Filmemacherin Sandra Trostel ist nämlich ein Dokumentarfilm im besten Sinne. Trostel, 42, nimmt die Zuschauer mit an Orte, an die sie normalerweise nicht kommen, und zu Menschen, die diese Orte zu etwas Besonderem machen: Die Rede ist von den zwei Großveranstaltungen des Chaos Computer Clubs (CCC), dem Kongress und dem Chaos Communication Camp. Die große, grüne "Fairydust"-Rakete, eine Art Maskottchen des Clubs, reist ebenfalls an. Daher das Märchen am Anfang.

Spaß am Nonsens

Die Filmemacherin führt durchgängig auf nerdige Weise durch die Welt von Europas größtem Hackerverein. Hat man sich daran einmal gewöhnt, ist das durchaus charmant. Vor allem, weil Trostel nicht einen einzigen "Schau mal an, wie merkwürdig diese Nerds sind"-Moment bemüht.

Glücklicherweise verzichtet der Film auch auf das Naheliegende, nämlich über die Geschichte des CCC auch im Detail die Geschichte der Digitalisierung Deutschlands zu erzählen. Er konzentriert sich auf das, was den Verein im Kern ausmacht: Die Hacker, die mit Fachwissen wie Spaß am Nonsens eine beneidenswert starke und zugewandte Gemeinschaft bilden. Und das rührt. Bei der Preview für den Club in Hamburg waren gut 30 Leute. "Das erste Screening beim durchaus kritisch eingestellten Kern," sagt Trostel. "Der Film hat aber alle sehr bewegt, und es sind sogar Freudentränen gekullert."

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Doku über den Chaos Computer Club:
Szenen aus "All Creatures Welcome"

Mit einem ungewöhnlichen Kniff versteht Trostel es aber auch, selbst die mitzunehmen, in deren Vorstellung der CCC bislang nicht mehr als irgendein diffuser Verband merkwürdiger Typen war, die nächtelang am Rechner zocken, viel Pizza essen und mal eben eine Bundestagswahl-Software komplett zerlegen. Bevor nämlich überhaupt etwas passiert, mutiert die Kinoleinwand zum Bildschirm. Ein Arcadegame startet, die Filmemacherin wird zur Spielfigur "Filmgizmo". Die erste Spielregel: Seid exzellent zueinander. Was gemeinsam mit dem Filmtitel "All Creatures Welcome" (Jede Kreatur ist willkommen), auch das Motto der CCC-Veranstaltungen ist.

Anruf in der Zukunft

Die zweite Regel: Bevor du filmst, frag jeden im Bild, ob er oder sie einverstanden ist. Trostel klickt auf "akzeptieren" und nähert sich fortan in Levels wie "hacking your mind" und "Versuch das bigger picture zu sehen" dem Kern der CCC-Philosophie. Auf ihrem Weg kommen viele zu Wort, die schon lange dabei sind. So auch Falk Garbsch aka "Nexus", einer der Sprecher des CCC und Datensicherheitsexperte. Er erklärt erst einmal, was überhaupt das Internet ist, und, dass es nur eine Bedeutung hat, weil "wir als Mensch darin unterwegs sind". Garbsch sitzt dabei auf einer Art Bimmelbahn, die langsam durch das Sommercamp ruckelt. Das findet alle vier Jahre statt. Zu diesem, dem fünften, haben sich gut 4500 Hacker zum Zelten, Programmieren und Feiern in Brandenburg getroffen. Die eingeblendete Adresse: "Ziegeleipark Mildenberg, Germany, Earth, Milky Way".

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CC-Camp 2015:
Hacker auf dem Acker

Auf den ersten Blick sieht das aus, wie ein Festivalgelände eben aussieht. Schiefstehende Zelte, Menschen mit Isomatten, bunte Lampions. Im Detail ist dann aber doch alles ein wenig anders. In einer Telefonzelle kann man die Zukunft anrufen, überall surrt und brummt und blinkt irgendwas, und gut zehn Kilometer Glasfaserkabel garantieren, dass auch wirklich alle online sein können. Das Gegenteil von Digital Detox.

Ab und an sind ganze Menschengruppen gepixelt. Sandra Trostel nimmt die zweite Regel sehr genau. Sonst hätte sie wahrscheinlich auch nicht filmen dürfen. "Ich habe noch nie so viel über meine Aufnahmen gesprochen", sagt Trostel. "Selbst wenn kein Mensch im Bild zu sehen ist, habe ich mich mit Sicherheit lange mit einem Menschen zu diesem Bild auseinandergesetzt."

Kein kritisches Wort über den CCC

Die Aufnahmen sehen oft ungewohnt amateurhaft aus. Aber wer braucht schon Tiefenunschärfe und dramatische Lichtsetzung, wenn es um die Rettung des Cyberspace geht? Außerdem passt die Darstellung gut zum Chaos und Do-it-yourself-Ansatz beim Camp und beim Hackerkongress. Das viertägige Treffen findet traditionell zwischen den Jahren statt. Trostel ist mit der Kamera beim 32C3 dabei, dem 32. Kongress also. Auf den Tischen Kabelsalat, Geländer mit bunter Wolle umhäkelt, Gesichter blau erleuchtet. Selbstgebaute Mini-Roboter malen eigenständig Bilder - angetrieben von elektrischen Milchschäumern. Und hoch über den Köpfen zieht sich die Rohrpost in gelben Plastikröhren durch das Kongresszentrum.

Der Aktivist Daniel Domscheit-Berg, der einst mit WikiLeaks die US-Regierung blamierte, philosophiert hier nebenbei über die Wichtigkeit, Fehler machen zu dürfen, während er Kindern das Löten beibringt. Nerds, Hacker und Gestalter tauschen sich über Technologie, Gesellschaft und das Internet der Zukunft aus. Oder sie bauen nur irgendwas. "Das ist einfach unglaublich herrlich", sagt ein Gesicht im Bällebad, dann taucht es unter. Wer Trostels Filmversion im Kino sieht, verlässt es mit dem Gefühl, ganz woanders gewesen zu sein.

Man kann Trostel vorwerfen, dass keine kritische Stimme zum CCC zu Wort kommt. Alles eine einzige Party. Nichts zu hören von Sexismus in der Szene, dem Gerangel in der Führungsriege oder nervigen Abstimmungsprozessen im Verein. Kritisiert wird nur das Außen: Totalitäre Regierungen, Kapitalismus, Datenklau. Vielleicht ist das aber genau richtig, weil sich so ein wichtiger gemeinschaftlicher Gedanke einnistet. Das "Bewusstsein, dass etwas dadurch, dass es geteilt wird, nicht weniger wird, sondern mehr", wie Club-Sprecher Linus Neumann sagt.

Ganz in diesem Sinne will Sandra Trostel ihren Film für alle zugänglich machen. Nach einigen Wochen in den Kinos soll er am Jahresende auf dem 35C3-Kongress laufen. "Vor dem Screening drücke ich dann auf einen dicken Knopf und stelle ihn online", sagt Trostel, die ihren Dokumentarfilm unter anderem deshalb über Crowdfunding finanziert und sich um eine Creative-Commons-Lizenz bemüht hat. Ihr gesamtes Rohmaterial soll im kommenden Jahr ebenfalls frei zur Verfügung stehen. Auf der Plattform "Create Your Own Culture" kann sich dann jeder seinen eigenen CCC-Film schneiden.

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