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Bonitätsbewertung: Wie ich bei der Schufa zum "deutlich erhöhten Risiko" wurde

Freitag, 09.03.2018  
11:01 Uhr

In Hamburg ist es schwierig, eine Wohnung zu finden - damit hatte ich gerechnet. Dass es aber noch schwieriger ist, einen Vertrag für Internet und Telefon abzuschließen - damit hatte ich nicht gerechnet. Und erst recht nicht damit, dass die Schufa dabei eine Rolle spielen könnte. Anlässlich des OpenSchufa-Projekts von AlgorithmWatch und der Open Knowledge Foundation bin ich der Sache für SPIEGEL ONLINE nun noch einmal nachgegangen - mit überraschendem Ergebnis.

Ende 2015 war ich erstmal froh, als ich eine Zweizimmerwohnung bekam. Mein Vormieter bot mir an, seinen Internetanschluss zu übernehmen. Das war für uns beide eine gute Möglichkeit, also stellten wir Anfang 2016 den entsprechenden Antrag.

Doch dann ging es nicht voran. Die Begründung des Hotline-Mitarbeiters damals: Meine Bonität sei nicht ausreichend. Mein Vormieter fragte mich, was da los sei. Ob ich vielleicht mal eine Rechnung nicht bezahlt hätte?

Das Projekt OpenSchufa

Ich war von meiner angeblich schlechten Schufa-Bewertung völlig überrascht. Ich hatte keine Schulden, meine Girokonten waren alle im Plus, ich hatte seit Monaten keine Mahnung erhalten. Auch meine bisherigen Internetverträge hatte ich allesamt pünktlich bezahlt. Was konnte es sein?

30 Euro - für eine Auskunft

Ich machte mich auf die Suche nach meinen Schufa-Daten. Damals wie heute hat die Schufa-Website offenbar vor allem ein Ziel: dem Verbraucher eine kostenpflichtige Auskunft zu verkaufen. Die kostet mittlerweile etwa 30 Euro. Und wer einen Haken falsch setzt und das Kleingedruckte nicht ordentlich liest, schließt gleich noch ein Schufa-Abo für etwa 50 Euro pro Jahr mit ab.

Es gibt auch eine kostenlose Schufa-Auskunft, die aber versteckt sich hinter dem Reiter "Datenübersicht nach § 34 Bundesdatenschutzgesetz". Wer bezahlt, kann alles bequem online eingeben. Wer die kostenlose Auskunft haben möchte, muss ein pdf-Formular herunterladen, ausdrucken, per Hand ausfüllen, unterschreiben, zur Post bringen - und warten. (Etwas leichter geht es über Selbstauskunft.net oder die Seite des Bundesdatenschutzbeauftragten - was ich aber auch erst seit kurzem weiß)

"Deutlich erhöhtes bis hohes Risiko"

Ich war nicht bereit, für eine Auskunft über meine Daten zu zahlen. Also musste ich warten. Nach einigen Wochen bekam ich Post. Und tatsächlich: Der Ausdruck zeigte, dass zwei Bonitätsauskünfte an den Internetanbieter übermittelt worden waren. Beide mit dem Vermerk "deutlich erhöhtes bis hohes Risiko". Aber woher rührte die schlechte Bewertung der Schufa?

Vergeblich suchte ich nach negativen Einträgen, etwa nach nicht bezahlten Rechnungen. Auch Informationen zu meinen Girokonten oder meiner Kreditkarte konnte ich nicht finden. Doch an einer Stelle wurde ich stutzig. "Sie wurden am 25.01.2016 erstmals über das Schufa-Verfahren informiert", stand dort. Das war genau die Zeit, in der ich den Anschluss beantragt hatte. Sollte das heißen, dass die Schufa mich zuvor schlichtweg gar nicht kannte?

Ich rief bei der Schufa-Hotline an. Ein Mitarbeiter bestätigte meinen Verdacht. Ich sei erst durch die Anfrage des Unternehmens in die Datenbank gekommen. Ich solle mit einigem zeitlichen Abstand eine neue Auskunft anfordern, der Score werde sich mit der Zeit verbessern. Ich fand das unbefriedigend, beließ es aber dabei und bestellte einen neuen Internetanschluss bei einem anderen Anbieter, ohne jegliche Probleme.

Score mit Anschrift berechnet

Für diesen Artikel habe ich die Schufa nun noch einmal kontaktiert. Ich fand es seltsam, dass das Unternehmen Verbraucher bewertet, zu denen es so gut wie keine Informationen vorliegen hat, und bat um eine Stellungnahme. Als Antwort erhielt ich ein fünfseitiges Schreiben, bei dem die Schufa mir verbieten wollte, aus den ersten drei Seiten zu zitieren. Eine zumindest fragwürdige Forderung.

Die Schufa bestätigte zunächst, was der Mitarbeiter vor zwei Jahren gesagt hatte: Eine Person mit meinen Daten wurde erst durch die Anfrage des Internetanbieters bekannt. In solchen Fällen übermittle man dem Vertragspartner in der Regel nur, dass zu dem betreffenden Verbraucher keine Informationen vorlägen, schreibt die Auskunftei.


Schufa-Ausdruck

SPIEGEL ONLINE

Schufa-Ausdruck

Das anfragende Unternehmen kann laut Schufa in diesen seltenen Ausnahmefällen jedoch einen sogenannten KI-Score bestellen. Dieser beruht auf den Anschriftendaten, dem Alter und Geschlecht. Der Score ermögliche eine Bonitätsbewertung und damit in vielen Fällen ein Kreditgeschäft, schreibt das Unternehmen. Ich schnitt allerdings schlecht ab: Erfüllungswahrscheinlichkeit nur 88,80 Prozent. Für eine halbwegs gute Bewertung muss man mehr als 90 Prozent erreichen.

Drei Wochen später fragte der Internetanbieter erneut an. Diesmal hatte man nach Logik der Schufa allerdings genug Informationen über meine Person und berechnete einen "Score für Telekommunikationsunternehmen". Da wurde es noch schlechter: nur noch 81,14 Prozent. Ich fragte für diesen Text nach, woher die Verschlechterung kam.

Zwei Jahre lang doppelt geführt

Konkret erklärte die Schufa diese Verschlechterung nicht, sondern verwies lediglich auf die Datenübersicht. Aus der ergebe sich, auf Basis welcher zu mir "gespeicherten Informationen zur Kreditaktivität" der neue Score berechnet wurde. Demnach war allerdings nur eine einzige solche Angabe zu mir bekannt: Dass der Internetanbieter drei Wochen zuvor schon einmal angefragt hatte. Die zweite Anfrage wurde also offenbar auf Basis der ersten Anfrage beantwortet. Das ganze System drehte sich um sich selbst. Das ist merkwürdig.

Zugleich räumte die Schufa nun noch etwas anderes ein. Die Auskunftei hat mich demnach von 2016 bis 2018 doppelt in ihrer Datenbank gespeichert. Ein Philipp Seibt - der ohne Girokonten - lebte demnach in Hamburg. Ein anderer Philipp Seibt mit demselben Geburtsdatum war mit einer Münsteraner Adresse gespeichert. Das passt, ich habe jahrelang in Münster studiert.

Die Schufa will allerdings keine Datenpanne auf ihrer Seite erkennen. Der Internetanbieter habe bei seiner Anfrage meinen Geburtsort nicht mitgeliefert. "Übereinstimmungen bei Namen und Geburtsdaten sind keine Seltenheit und geben ohne weitere Informationen keinen Anlass, Datensätze zusammenzuführen", schreibt die Schufa. Vielleicht hätte die Schufa dann "weitere Informationen" einholen sollen, statt wiederholt schlechte Bewertungen zu verschicken? Die Schufa sieht das nicht so - und macht stattdessen mich als Verbraucher verantwortlich. Ich hätte meine Daten schließlich zwei Jahre lang nicht beanstandet, heißt es.

Offenbar nicht fähig

Das ist aus meiner Sicht aus mehreren Gründen ein absurder Vorwurf. Erstens, habe ich der Schufa schon 2016 meinen Geburtsort mitgeteilt - der ist eine Pflichtangabe im Antrag für eine kostenlose Schufa-Auskunft. Diese Informationen sind also seit etwa zwei Jahren in der Datenbank vorhanden. Warum die Daten im Februar 2018 ausreichen, um die Doppelung zu erkennen, dies zwei Jahre zuvor aber nicht möglich gewesen sein soll - wie die Schufa behauptet - ist nicht nachvollziehbar.

Zweitens, hatte ich schon im April 2016 bei der Schufa-Hotline angerufen und gefragt, ob es möglich sei, dass vor dem Hintergrund meines gerade erfolgten Umzugs meine Daten falsch zugeordnet worden seien. Der Mitarbeiter schloss diese Möglichkeit damals aus. Die Schufa erklärte dazu auf Nachfrage, das von mir geschilderte Telefonat habe man nach einer Prüfung nicht nachvollziehen können.

Drittens, wirft die Anschuldigung der Schufa die Frage auf, welchen Anspruch die Auskunftei eigentlich an sich selbst stellt. Immerhin verdient das Unternehmen mit seinen Daten Geld - und zwar ziemlich viel. 2016 wies die Schufa Holding AG eine Rendite von 37,4 Prozent aus. Das ist mehr als Josef Ackermann für die Deutsche Bank je gefordert hat. Die Preise für Verbraucherauskünfte sind in den vergangenen Jahren um mehr als 60 Prozent gestiegen.

Gleichzeitig ist die Schufa offenbar nicht in der Lage, innerhalb von zwei Jahren ein Duplikat in ihrer Datenbank zu entdecken. Für ein Unternehmen, das über Kredite und Mietverträge von Menschen mitentscheidet, ist das aus meiner Sicht vor allem eines: ein Armutszeugnis.

Disclaimer: Der Schufa-Mitbewerber Arvato gehört zum Bertelsmann-Konzern. Dessen Tochter, der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr ist mit 25,5 Prozent am SPIEGEL beteiligt. SPIEGEL ONLINE berichtet natürlich trotzdem redaktionell unabhängig.

Die Bertelsmann-Stiftung gehört zudem zu den Unterstützern der NGO AlgorithmWatch. Das Open-Schufa-Projekt soll aber davon unabhängig mit einem Crowdfunding finanziert werden. Die Idee hinter dem Projekt entstand als Kooperation zwischen AlgorithmWatch und der NGO Open Knowledge Foundation. Ziel ist es, zunächst den Score zu untersuchen, der den größten gesellschaftlichen Einfluss in Deutschland hat.

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